Ein Projektentwurf von Pfelder und Stefan Leiste, sLandArt Landschaftsarchitektur<br>

Idee

Am Ort der abgebrannten Viehauktionshalle wird ein Mahnmal in gleichem Grundriss der ehemaligen Halle errichtet. Übermannshohe Mauern, in der Technik des Stampfbetons errichtet, zeichnen die Größe des Raumes nach. Der Innenraum zeigt sich als weiter, durch die Wände begrenzter Raum mit drei durch versetzte Mauerteile verdeckte Ein- bzw. Ausgängen. Nach Norden wird auf eine Öffnung verzichtet.

Ein langes, aufgeständertes, hüfthohes Infoband aus Metall vor der nördlichen Wand am Parkplatz gelegen, umreißt die Geschehnisse der Deportationen, nennt alle Namen und schafft Distanz zum direkt anliegenden Supermarkt-Parkplatz, ohne räumlich davon wegzurücken. Das gesamte Mahnmal selbst (Innenraum und außen) ist frei von Informationen. Die beiden kleinen, westlich und östlich des Mahnmals befindlichen Vorplätze, sind geprägt durch 31 unregelmäßig dicht gepflanzte, mannshohe, weißblühende Fliederbüsche. Sie symbolisieren das Gedränge der ankommenden Juden vor den Zugängen zur Halle und stehen zugleich für die Überlebenden der September-Deportation.

Verläßt man den Gedenkort durch den Südausgang, befindet man sich erhöht auf einem als Treppenanlage ausgeführten Sockel. Eine Betonbank entlang der gesamten Südmauer lädt zum Sitzen ein. Eine leicht geneigte, große Rasenfläche auf dieser Südseite schafft Weite und Freiheit als Gegenpol zum Inneren des Mahnmals. Durch das Mahnmal geschützt öffnet sich die als zurückhaltende Gartenanlage gestaltete Fläche und schafft die Möglichkeit, die weitere Umgebung (Gewerbegebiet) auszublenden und den Gedenkort in Ruhe zu erfahren. Die Rasenfläche, auf der als Solitär ein großer lila-blühender Flieder steht, führt bis zur Raumkante des ehemaligen Gleises (ausgeführt in Gleisschotter) am Prellbock. Diese tiefer liegende Ebene wird durch Ausnutzung der vorgefundenen Höhenniveaus um den Prellbock begehbar gemacht. Eine Treppenanlage, die den Rundweg durch die Anlage ermöglicht, wird eingefügt. Oberhalb des Prellbocks entsteht ein ‚Balkon‘, von dem aus der Blick über den Gedenkort schweifen kann.

Mittig von der Treppenanlage führt ein Weg in der Lage des zweiten alten Gleise über den Rasen schräg hinunter zur Hetzerhalle. Entlang dieses Weges hört man alle Namen der hier Deportierten Juden von Schauspielern gesprochen als Soundinstallation. Unsere VISION ist es, die große Hetzerhalle künftig als Besucherzentrum zu nutzen. Als Ort der Information und Partizipation und als Ort der weiterführenden Recherche, Forschung und Bildung.

Klang

„Auf dem Weg vom Besucherzentrum zum leicht erhöht liegenden Mahnmal nehme ich im Vorbeigehen Stimmen war. Namen. Ich bleibe stehen, lausche. Viele Namen. Irgendwann erkenne ich einen der Namen, deren Geschichte ich eben im Besucherzentrum las. Ich gehe langsam weiter, die Namen begleiten mich.

Mir wird bewusst, dass ich den Weg in der Lage der alten Gleise gehe. Ich steige die Stufen zum Mahnmal hinauf. Langsam gehe ich in das Innere. Weite. Leere. Stille.
Nichts. … einfach nichts … Ich fühle mich allein mit meinen Gedanken. Verloren. Irre umher. Kann die Angst der Menschen spüren, aus dieser einen Nacht damals.
Sehe den Himmel. Die Freiheit ist nah. Ich verlasse den Raum.

Die Wand, die eben im Inneren noch so bedrängend und einschließend wirkte, wärmt mir nun, auf der Bank sitzend, meinen Rücken, gibt mir Sicherheit, während mein Blick über die weite Rasenfläche wandert. Ich erkenne den Flieder, von dem ich las. Eine Überlebende. Die Sonne wärmt mich. Ruhe. Das plötzliche Rattern eines vorbeifahrenden Zuges reißt mich aus meinen Gedanken.“

Bautechnik

Das GRUNDMASS des Rasters des Gedenkortes ist 0,8 m. Dies entspricht der definierten Gehbreite eines Menschen. Die neu gefertigte BETONBODENPLATTE des Gedenkortes in den Maßen der Viehauktionshalle wird durch ein regelmäßiges Raster der Dehnungsfugen im Abstand von 6,4 m strukturiert. Die 3,2 m hohen STAMPFBETONWÄNDE treten vom Ursprungsmaß der Halle ein wenig zurück, so wird ein 1,6 m breiter Umlauf geschaffen. Die 3,2 m breiten Öffnungen sind durch freistehende Wände innen ‚geschlossen‘. Sie stehen beidseitig 0,8 m gegenüber dem Durchlass über und lassen seitlich einen Durchgang zum Betreten des Inneren des Gedenkorts zu. Die ENTWÄSSERUNG der gleichmäßig nach Süden geneigten Fläche erfolgt über Schlitzrinnen an den innenliegenden Wandseiten. An die Außenwand der Südseite wird über die gesamte Länge eine BETONBANK aus Fertigteilen in grauer Oberfläche errichtet, die Südseite der Wand dient als Rückenlehne. Eine umlaufende, flache STUFENANLAGE (Stg 12/40) im Material der Betonbank schafft den Übergang zur Wiese und stellt das Mahnmal auf einen Sockel. Die zentralen Stufen in Verlängerung des Hautweges sind farblich leicht abgesetzt. Am Fuße der Stufenanlage bildet ein 1,6 m breiter Umlauf in WASSERGEBUNDENEM BELAG den Abschluss der Stufen. Er bildet den Abschluss und Übergang zu den beidseitigen Vorplätzen und schafft eine barrierfreie Verbindung vom Hauptweg ins Mahnmal. Das ca. 67 m lange aufgeständerte INFOBAND aus Metall auf der Nordseite des Mahnmals erstreckt sich über die gesamte Längsseite und enthält Informationen zum Gedenkort und die Namen aller Deportierten. Über die kleine TREPPENNANLAGE am Prellbock, die im Material der großen Stufenanlage gefertigt ist, wird eine tieferliegende, gen Westen auslaufende Freifläche erreicht, die wie die Vorplätze wassergebunden befestigt ist. Das Gleisbett, welches zum Prellbock führt, ist mit GLEISSCHOTTER gestaltet und schafft Abstand zur sanierten Mauerkante. Der südliche West-Ost Hauptweg (von der Hetzerhalle zur Ettersburger Straße / Hauptbahnhof) ist wie der geschwungene Hauptweg (ehemaliges Gleis) über die Wiese in ORTBETON gefertigt.

HÖHENENTWICKLUNG/ EBENEN OBERE EBENE – Das Mahnmal liegt auf der Höhe des nördlich angrenzenden Parkplatzes, Stufen an der Südseite bilden einen sichtbaren Sockel und führen hinunter zur nächsten Ebene.

MITTLERE EBENE – Die sanft geneigte Rasenfläche funktioniert als grüne Freifläche überleitend zur unteren Ebene am Prellbock, sie schafft Weite und umgibt den einzelnen, großen lila Flieder.

UNTERE EBENE – Die Ebene am Prellbock befindet sich auf dem Höhenniveau des von Osten entlang des ehemaligen Güterbahnhofs führenden Weges. Die mittlere Ebene ist über eine Treppe am Prellbock wie auch barrierfrei über den Hauptweg als sanft ansteigende Rampe an der großen Hetzerhalle zu erreichen.

UMGEBUNG Der Gedenkort ist von einer heterogenen Umgebung (Gewerbegebiet) gekennzeichnt. Durch nahe Gedenkorte wie den ehemaligen Güterbahnhof und das sich unweit nördlich befindliche ehemalige KZ Buchenwald reiht sich der Standort der ehemaligen Viehauktionshalle ein in ein Umfeld von Schauplätzen nationalsozialistischer Gräueltaten.

INFORMATION & AUSSTATTUNG 1 _ Ein an der Länge des Mahnmals ausgerichtetes, durchgängiges Informationsband trennt den Alltag (Supermarkt-Parkplatz) im Norden vom Gedenkort und lenkt die Besucher auf die Vorplätze westlich und östlich des Gedenkortes. 2 _ Eine an der Länge des Gedenkortes ausgerichtete Bank, direkt an der Südwand des Mahnmals gelegen, bietet die Möglichkeit, sich auszuruhen, in der Sonne zu sitzen, über die Gleise zu schauen … der heutige Zugverkehr ist über die Freifläche hinweg zu hören. 3 _ Aus unscheinbaren Metallzylindern entlang des Hauptweges (ehemaliges Gleis) über die Rasenfläche sind die Namen aller 877 deportierten Menschen zu hören, gesprochen von Schauspielern. 4 _ VISION – Die große Hetzerhalle wird als Besucherzentrum genutzt, ein Ort der Information und Partizipation und ein Ort der weitergehenden Recherche, Forschung und Bildung.

TOPOGRAFIE 1 _ Eine umlaufende Treppenanlage an der Südseite bildet den grauen Sockel des Mahnmals, die Stufen am Ende des Hauptweges sind in der Struktur und Farbigkeit des Hauptweges gestaltet. 2 _ Die Mauerkante an der einst zum Prellbock führenden Gleisanlage wird saniert und als Abschluss der Freifläche (Rasen) herausgearbeitet. 3 _ Die vorhandene Höhensituation um den Prellbock wird genutzt, um einen ‚Balkon‘ zu schaffen, von dem aus eine Annäherung an den Prellbock möglich ist. Der Blick schweift über den Gedenkort. Durch eine Treppenanlage wird ein Rundweg ermöglicht.

BEPFLANZUNG 1 _ Ein einzelner, großer, lila blühender Flieder (lilac tree) auf der Freifläche (Rasen) des Gedenkortes symbolisiert die einzige Überlebende der Mai-Deportation. 2 _ 31 kleinere, weiß blühende Flieder symbolisieren die Überlebenden der September-Deportation auf den beiden Vorplätzen westlich und östlich des Mahnmals. 3 _ Die sanft geneigte Rasenfläche wirkt als offener, weiter Gegenpol zu der scharf umrissenen Fläche und den Mauern der ehemaligen Viehauktionshalle.

WEGE/ PLÄTZE 1 _ Von Norden, von der Rießnerstraße, ist der Gedenkort über den Weg entlang des Supermarkt-Parkplatzes zu erreichen. Man erreicht den östlichen Vorplatz des Mahnmals, von dem aus eine Verbindung zum Rundweg am Prellbock besteht. 2 _ Von Westen ist der Gedenkort nördlich der kleinen Hetzerhalle über den Park & Ride Parkplatz zu erreichen. Man kommt auf dem westlichen Vorplatz des Mahnmals an. 3 _ Von Osten ist der Gedenkort über den bestehenden Weg von der Ettersburger Straße (Hauptbahnhof) her entlang des ehemaligen Güterbahnhofs erschlossen. Man erreicht die Ebene des Prellbocks unterhalb der Freifläche. 4 _ VISISON – Die große Hetzerhalle wird als Besucherzentrum genutzt und bekommt einen Teil des Park & Ride Parkplatzes zugeordnet. Das Mahnmal ist über den direkt an der Hetzerhalle angeschlossenen Hauptweg (ehemaliges Gleis) zu erreichen. Eine Erschließung der Ebene des Prellbocks ist ebenso gegeben.

www.slandart.com
  • Jahr

    2017

  • Ort

    Standort der ehemaligen Viehauktionshalle in Weimar