Dauer: 10. Mai – 30 September 2026
Öffnungszeiten: Fr – Mi, 10 – 17 Uhr, Do, 13 – 20 Uhr

Ort: Ziadelle Spandau, Schaudepot, Am Juliusturm 64, 13599 Berlin

 

Denkmal oder denk mal!

Das lateinische Wort für Denkmal „monumentum“, setzt sich aus den Wörtern monere für ›mahnen, erinnern‹ und mens, mentis für ›Gedanke, Denkkraft, Sinn‹ zusammen.  Es trifft somit die Funktion dieser Objekte im öffentlichen Raum etwas genauer als der deutsche Begriff. 
 

Konfrontiert mit der Einladung für einen Eingriff in die interessante, aber auch etwas aus der Zeit gefallene Ausstellungslandschaft des Schaudepots der Zitadelle Spandau, haben wir uns dem Wesen von Denkmälern aus einer aktuellen, kritisch-konstruktiven und vor allem offenen und künstlerischen Perspektive angenähert. Dazu war uns wichtig, neben unserer eigenen deutsch-schweizerisch geprägten Sichtweise auch Amer Al Akel, einen in Berlin lebenden Künstler mit syrischen Wurzeln, mit ins Boot zu holen.

Unser gemeinsames Ziel ist es, mit unseren künstlerischen Strategien und subtilen bis subversiven Eingriffen, diese hier versammelten und nicht mehr erwünschten Skulpturen in einen Dialog mit den Besucher*innen treten zu lassen und ihr in einer vergangenen Zeit vermeintlich gefangenes Dasein mit dem Hier und Jetzt zu verknüpfen. Und gleichzeitig verweisen die Transportkisten aus Holz auch auf die geografischen und politischen Wege und Irrwege, die sowohl die Skulpturen als auch ihre Schöpfer während ihres Daseins zurückgelegt haben.
Üblicherweise sehen sie hier 8 Skulpturen – Denkmäler, die, auch wenn sie heute nicht mehr in den politischen Kontext gehören, das Potential haben zum Nachdenken, aber vor allem auch zum Mitdenken und zum Weiterdenken. 
Im Gegensatz zur Ausstellung „Enthüllt“ verschieben unsere künstlerischen Eingriffe den Fokus von der visuellen Wahrnehmung durch die Verhüllung auf das Erleben, Ertasten, Erahnen und Erkunden der Werke mit allen Sinnen. 
Wunderschön und doch so ein tiefer Abgrund. Die wohlproportionierten Holzkisten, die an urban gardening und Hochbeetkulturen erinnern könnten, zeigen farblich und botanisch gestaltete Arrangements. Sie sind Spiegel für durchkomponierte Kleingärten, bringen Natur und Lebenszyklen in das alte Gewölbe und erinnern vielleicht mit ihrer Planzenlichtbeleuchtung auch an Plantagen von heilenden und teilweise immer noch verbotenen Kräutern. In Wahrheit wachsen die drei wunderschönen Mini-Gärten aus hochgiftigen Pflanzen auf toxischen Marmorbüsten, die eine von Hitler und zwei weitere aus der Werkstatt von Arno Breker. Hier stellen sich gleich mehrere Fragen: Sind die Pflanzen giftig, weil sie auf den toxischen Denkmälern wachsen? Oder wachsen auf den alten Resten immer noch neue giftige Pflanzen? Sollten wir nicht immer auch bei vermeintlicher Schönheit skeptisch sein? Was machen wir mit den wachsenden Pflanzen? Wie viel Zeit bleibt uns noch? Oder werden sie es in diesen kühlen, alten Gemäuern sowieso nicht überleben?

Bei der riesigen Kiste bleibt die Überhöhung und Monumentalität eines Pferdes zwar durch drei präzis gesetzte Akzente erkennbar, die Botschaft der verborgenen Skulptur bekommt aber so Etwas wie Gedankenrisse, in die wir unsere eigenen Assoziationen einbringen können. Das bruchstückhafte sichtbar Machen generiert neue Bedeutungen und fordert die Besucher*innen heraus mitzudenken, eigene Geschichten einzubringen und sich z.B. an Sprüche wie „einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul“ zu erinnern. Ab und zu rauscht dann die überdimensionierte Darstellung dieses Pferdes aus der Nazi-Zeit doch noch akustisch in voller Wucht durch den Raum und holt das Publikum mit lautem und schnellem Galopp wieder auf den Boden und scheint aus der Vergangenheit ins Jetzt zu stürmen.

Hinter dem Pferd im kleinsten Raum links hängt die größte Arbeit. Amer Al Akel zeigt uns eine riesige Uniform und es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorstellen zu können, welche Spuren dieses Kleidungsstück hinterlassen hat. Aufgewachsen in einem politischen System, wo die Schuluniform omnipräsent war und den Alltag bestimmte, demonstriert die Arbeit wie vermeintlich klein und doch so groß die Wirkung und Auswirkung von autoritären Machtsystemen im Leben der Menschen unauslöschlich präsent ist und bleiben wird. 
Auch in seiner zweiten Arbeit, einer Konstruktion aus Armierungsstäben, spielt Amer Al Akel mit dem Verhältnis von unserem eigenen Körper zum Objekt. Die Besucher*innen sind eingeladen den „Käfig“ nicht nur zu betrachten, sondern sich auch in diese Einzelzelle hineinzubegeben, die Perspektive zu wechseln und selbst zum Monument zu werden. Außen oder innen, frei oder gefangen.

Wir kehren noch einmal in den ersten großen Raum zurück zur zweiten großen Kiste, die außer zwei kleinen Schiebetürchen hermetisch geschlossen ist. Durch die Interaktion mit dem Publikum, das Aufschieben der Türchen, erweckt man zwei Herren aus der wilheminischen Zeit für einen kurzen Moment wieder zum Leben. Im Takt des Herzschlags hört man das Tick Tack von zwei unterschiedlichen Uhren und hat ein paar Sekunden Zeit auf der einen Seite einem General und auf der anderen Seite einem Wissenschaftler in die Augen zu schauen.

Im hintersten Raum geht man direkt auf eine Stange mit einer durchsichtigen Folie zu. Diese neue und explizit für diese Ausstellung entwickelte Arbeit von Amer Al Akel ist Programm und Statement zugleich. Als Betrachter*in kann ich mich dem Bann der Flagge, oder hier eher Antiflagge, nämlich ein durchsichtiges Stück gebrauchte Plastikfolie, nur in einer gewissen Entfernung entziehen. Trete ich zu nahe an das Objekt, liest es meine Bewegung und reagiert darauf. Die Arbeit „Flaggengruß“ macht erfahrbar, wie subtil sich kleine Verschiebungen anfühlen können. Nicht nur in der Ferne, sondern auch in unserem Alltag sollten wir uns öfter die Frage stellen: Wann agiere ich und wo sind meine Handlungen nur „vorprogrammierte“ von mir erwartete Reaktionen? Agiere ich und die Flagge reagiert oder ist es umgekehrt?

Und ganz am Ende stehen wir vor der einzigen Frau in diesen Räumen. Wir sehen große Hände, einen Busen, aber keinen Kopf. Hier noch ein letztes Mal die künstlerische Strategie des Verhüllens. Oder ist es hier eher eine Prothese? Schauen oder fühlen Sie selbst! Und begreifen Sie die Ausstellung Zeitfelder – Time Fields mit allen Sinnen.

Wir wünschen Ihnen nachdenkliche Erlebnisse in den Räumen vom Schaudepot, das die Denkmäler in gewisser Weise durch die künstlerischen Eingriffe und die Ausstellung von Amer Al Akel, Pfelder und Simone Zaugg aus ihrer Zeit befreit, um sie zeitlos in ihrem historischen aber vor allem auch im aktuellen Kontext zu begreifen und mit in die Zukunft zu transportieren.

Alle historischen, denkmalpflegerischen und kunstgeschichtlichen Informationen zu den verpackten Objekten können Sie in knapper Form den Laufzetteln auf den Kisten und in einer ausführlicheren Variante dem ebenfalls eingepackten interaktiven Display am Eingang entnehmen.

 

 

Begleitprogramm Zeitfelder – Time Fields:

Sonntag, 7. Juni 2026, 15 Uhr: Deutsche und arabische Führung durch das Schaudepot mit den Künstler*innen
Mittwoch, 30. September 2026, 18 Uhr: Finissage mit Artist Talk mit Pfelder und Simone Zaugg
Weitere Veranstaltungen und Führungen finden Sie auf der Website siehe unten.