Neun Räume, neun Betten, neun Stühle, neun Schirme, neun Paar Schuhe, neun Bücher, neun Bäume.

 

Betritt man die Galerie Ursula Walter fragt man sich unwillkürlich: Wer lebt hier in diesen seltsamen Räumen, notdürftig voneinander abgetrennt durch transparente Vorhänge und spartanisch eingerichtet mit Möbeln aus Dachlatten? Die Bewohner sind präsent durch ihre Schuhe, die vor den Betten stehen. Schuhe mit denen man schnell und weit laufen kann. Aber physisch sind sie abwesend und unsichtbar.

 

In jedem der neun Räume befindet sich zudem ein Buch von Italo Calvinos philosophischem Diskurs über das Phänomen Stadt: Die unsichtbaren Städte. In jedem Raum liegt jeweils eine Ausgabe in einer anderen Sprache. Wer mögen die Personen sein, die sonst in diesen Büchern lesen? Die Besucher der Galerie können sich auf die Hocker setzen oder gar in die fremden Betten legen und lesen. Lesen von den Geschichten über Städte, die Marco Polo bereiste und von denen er dem Kublai Khan berichtet. Lesen über die Möglichkeit und Unmöglichkeit von Stadt, über die Angst vor ihr und die Sehnsucht nach ihr. Und sich dabei selbst in einem kleinen neunräumigen Stadtkosmos befinden und über dessen Bewohner und sich selbst sinnieren.

 

Einmal täglich während der Öffnungszeiten tauchen plötzlich ein paar Bewohner dieser neun Räume auf, nehmen je ein Buch und einen Stuhl aus der Galerie mit hinaus auf den Neustädter Markt, setzen sich unter die neun Platanen neben dem goldenen Reiter und fangen an, laut aus den unsichtbaren Städten vorzulesen. So als würden sie sich selber vorlesen oder einem aufmerksamen Kind oder einer Gruppe von Reisenden, die unversehens vorbeikommen. Nach einer halben Stunde beenden sie die Lesung, bringen Stühle und Bücher zurück in die neun Räume in der Galerie, verschwinden und werden wieder unsichtbar.

  • Jahr

    2019

  • Ort

    Projektraum Galerie Ursula Walter, Dresden, D
    Kurator*innen: Patricia Westerholz, Andreas Kempe

  • Umsetzung

    Material: Gardinen, Uhr, Bücher, portables Soundsystem, Mikro
    Performances in Kooperation mit DIE BÜHNE – Das Theater der TU Dresden und Anwohner*innen.
    Das Projekt wurde gefördert durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und die Landeshauptstadt Dresden, Amt für Kultur und Denkmalschutz.

  • website
    www.galerieursulawalter.de